Damian Müller | Ständerat

Bundesfeier 2025

  • 01. August 2025
  • 9 min Lesezeit

Ich war eingeladen an der Bundesfeier 2025 der Gemeinde Beromünster. Nachfolgend meine Rede.

Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger,
geschätzte Anwesende

Heute ist Nationalfeiertag. Ein Tag der Rückbesinnung, der Dankbarkeit – und des Blicks nach vorne. Wir feiern den Geburtstag einer aussergewöhnlichen Idee: Dass sich freie Menschen aus verschiedenen Regionen, Kulturen und Sprachen zusammentun, um gemeinsam in einem Staat Verantwortung zu übernehmen. Nicht weil sie müssen, sondern weil sie wollen. 1291 war es auf der Rütliwiese, so sagt es die Legende. Ob es historisch exakt so war? Geschenkt. Entscheidend ist die Wirkung: Es war der Anfang eines einzigartigen politischen Experiments – der Schweiz.

Die Schweiz ist eine Willensnation. Der Wille steht am Anfang jeder Veränderung, jedes Fortschritts, jedes Erfolgs. In der Schweiz können alle, die wollen, erfolgreich sein.

Keine Frage: Das Experiment Schweiz ist geglückt. Die Idee von 1291 ist eine Erfolgsgeschichte. Trotz all unserer Eigenheiten. Oder vielleicht auch: gerade wegen unserer Eigenheiten.

Wir sind kein Land der grossen Worte, sondern der verlässlichen Taten. Wir sind kein Land mit glorifizierenden Geschichten – aber eines der stillen Helden: der Bäuerin, die bei jedem Wetter auf dem Feld arbeitet. Der Pflegefachfrau, die Überstunden macht. Des Ingenieurs, der präzise Berechnungen anstellt. Der freiwilligen Feuerwehrleute, die auch nachts ausrücken. All der unzähligen, die anpacken, ohne Applaus zu bekommen. Weil es für sie selbstverständlich ist.

Das ist die Schweiz. Kein Spektakel – aber Substanz.

Aber lassen Sie es mich deutlich sagen: Dieses Erfolgsmodell mit seinen urschweizerischen Tugenden steht unter Druck. Und zwar mehr denn je seit dem Zweiten Weltkrieg.

Wir leben in einer Zeit, in der unsere vermeintlich verlässliche Weltordnung zerfällt. Regeln werden durch Macht ersetzt. Kriege sind zurück auf dem europäischen Kontinent. Autokratien rüsten auf – nicht nur militärisch, sondern auch ideologisch. Der freie Westen wirkt plötzlich alt. Müde. Orientierungslos.

Gilt das auch für die Schweiz?

Wir Schweizer haben seit jeher Verantwortung übernommen. Es zeichnet uns aus, dass wir unsere Zukunft selbstbewusst gestalten wollen.

Nach wie vor gelingt uns das auch recht gut. Wir sind ein stabiles Land. Wir haben Wohlstand. Es gibt die Demokratie, Innovationen und eine hohe Lebensqualität. Wir gehören – objektiv betrachtet – zur Spitzengruppe der Staaten dieser Welt. Man könnte auch sagen: Wir sind eine Insel der Glückseligen

Aber: Das kann trügen. Wir sind eben keine Insel. Und wer sich nur auf den vergangenen Erfolgen ausruht, verschläft die Veränderungen. Jean-Pascal Delamuraz sagte es einmal treffend: «Les Suisses se lèvent tôt, mais se réveillent tard.» Die Schweizer stehen früh auf – aber sie wachen spät auf.

Vielleicht ist es Zeit, jetzt wirklich aufzuwachen.

Denn die Herausforderungen sind real:

Der Welthandel bröckelt.

Die USA drohen, sich aus ihrer ordnenden Rolle zurückzuziehen.

China und Russland propagieren eine Welt, in der Macht mehr zählt als Recht.

Die internationale Zusammenarbeit wird zäher, schwerfälliger, emotionaler.

Der Arbeitskräftemangel nimmt in gewissen Bereichen zu und hemmt Wachstum.

Die Bevölkerung altert – was die Sozialwerke belastet.

Die hybride Kriegsführung ist real – Cyberattacken, Desinformation, wirtschaftlicher Druck sind Alltag.

Und innenpolitisch?

Reformen werden verschleppt.

Die Polarisierung nimmt zu.

Es wird lieber Geld verteilt als Geld verdient.

Anspruch ersetzt zunehmend Verantwortung.

Genau jetzt braucht es eine Gesellschaft, die bereit ist, mehr zu leisten. Und eine Politik, die bereit ist zu entscheiden und zu führen.

Der Staat kann nicht alles richten. Für den Erfolg unseres Landes braucht es das Engagement von jedem und jeder Einzelnen. Aufgabe der Politik ist es, dafür die richtigen Anreize zu setzen.

Unser Land konnte in der Vergangenheit auch deshalb immer ganz vorne mitspielen, weil wir das Miteinander von Staat und Eigeninitiative, von guten Ideen und Innovation, gelebt haben. Es ist höchste Zeit, dass wir uns wieder in Erinnerung rufen und tagtäglich leben, denn es ist die Gesellschaft, die den Unterschied ausmacht. Wir alle. Mit unserem Handeln. Mit unserem Verantwortungsgefühl. Mit unserer Bereitschaft, mitzugestalten.

Was wir brauchen, ist eine neue Kultur des Möglichmachens. Eine Kultur, in der Probleme nicht zerredet oder mit Geld zugeschüttet, sondern gelöst werden. Eine Kultur, die nicht fragt: «Was steht mir zu?», sondern: «Was kann ich beitragen?».

Eine Kultur also, die es unterstützt, wenn jemand Risiken eingeht, um Neues zu schaffen. Eine Kultur, die der Neid-Debatte und der grassierenden Vollkasko-Mentalität entschieden entgegentritt.

Das Möglichmachen ist zentral für unser Erfolgsmodell. Dieses basiert auf fünf Pfeilern – und alle fünf müssen wir jetzt stärken:

Erstens: Leistung.

Leistung ist kein altertümlicher Begriff, der aus der Zeit gefallen ist. Leistung ist das, was unser Land trägt. Nicht im Sinne von Arbeiten bis zum Umfallen oder Ausbeutung – sondern im Sinne von Verantwortung, Verlässlichkeit, Qualitätsdenken.

Leistung zeigt sich auch bei Lernenden, die sich in schwierigen Situationen durchbeissen. Es alarmiert mich, dass heute mehr als 22 Prozent der jungen Frauen und fast 26 Prozent der jungen Männer ihren Lehrvertrag auflösen.

Leistung zeigt sich beispielsweise bei jungen Eltern, die arbeiten und gleichzeitig Verantwortung innerhalb der Familie wahrnehmen.

Leistung zeigt sich bei der Unternehmerin, die etwas wagt, um ihre Ziele zu erreichen. Bei Start‑ups in der Schweiz liegt der Anteil der Gründerinnen bei 36 Prozent.

Leistung zeigt sich aber auch bei allen Freiwilligen, die mitwirken und damit etwas Grosses möglich machen. Etwa 39 Prozent der Schweizer Bevölkerung engagieren sich ehrenamtlich in Vereinen, Organisationen oder öffentlichen Institutionen – das sind fast 3 Millionen Menschen.

Sie geben ihr Bestes für den Verein, die Gesellschaft und damit die Schweiz. Dafür gebührt ihnen mein tiefer Respekt. Denn sie legen das Fundament unseres Erfolgs.

Es ist höchste Zeit, es wieder laut und deutlich zu sagen: Ohne Leistung gibt es keine Freiheit. Ohne Leistung gibt es keinen Wohlstand. Ohne Leistung bricht letztlich der Sozialstaat zusammen.

Zweitens: Freiheit.

Unsere Freiheit war nie selbstverständlich. Sie wurde erkämpft, verteidigt – und sie ist zerbrechlich. In einer Welt, in der autoritäre Regime ihre Stärke ungehemmt zur Schau stellen, müssen wir wissen, was unsere Freiheit wert ist. Und dass sie uns auch etwas kosten darf. Nicht nur in Franken und Rappen, sondern in Verantwortung, in Wehrhaftigkeit, in Mitwirkung.

Freiheit ist kein Selbstbedienungsladen. Sie ist ein Versprechen – aber auch ein Auftrag.

Drittens: Weltoffenheit.

Die Schweiz lebt vom Austausch. Von Ideen. Von Exporten. Von Talenten. Von Kooperation.

Ein Rückzug ins Schneckenhaus mag kurzfristig ein Gefühl der Sicherheit vermitteln – aber langfristig gefährdet es alles, was uns stark gemacht hat.

Deshalb ist klar:

Wir brauchen Rechtssicherheit in der Beziehung zur EU.

Wir brauchen neue Freihandelsabkommen.

Wir brauchen qualifizierte Zuwanderung – mit klaren Regeln und konsequenter Integrationspolitik. Ideologie hilft uns nicht weiter.

Und wir brauchen eine Aussenpolitik, die ihre Werte kennt – aber auch die Realitäten sieht.

Viertens: Verantwortung.

Das heisst mehr denn je: Solide Finanzen. Keine Versprechen ohne Gegenfinanzierung. Keine Symbolpolitik. Sondern klare Prioritäten setzen.

Nur mit starken Finanzen ist der Staat in der Lage, seine Rolle auch in Krisensituationen auszuüben. In die Bildung zu investieren, die Altersvorsorge zu sichern und die Armee zu modernisieren. All das tun wir aktuell zu wenig, weil wir in guten Zeiten nicht genügend vorgesorgt haben.

Wir müssen zwischen dem Notwendigen und dem Wünschenswerten unterscheiden – und uns wieder konsequent nur für das Notwendige entscheiden. Auch wenn es nicht populär ist.

Fünftens: Zusammenhalt.

Direkte Demokratie lebt vom Kompromiss. Vom Respekt. Vom Zuhören.

Polarisierung ist keine Lösung. Sie ist ein Geschäftsmodell für Polparteien. Aber sie löst keine Rentenprobleme. Sie bringt keinen Strom. Sie baut keine Brücken.

Was die Schweiz stark gemacht hat, war nie das laute Rechthaben, sondern das besonnene Miteinander. Es braucht keine Echokammern in den sozialen Medien, in der einem die eigene Meinung immer wieder bestätigt wird. Es braucht auch keine Feindbilder. Es braucht Debatten und Kompromisse zwischen Menschen mit verschiedenen Positionen.

Diese fünf Pfeiler bilden das Fundament, auf dem unsere Schweiz steht und auch in Zukunft stehen muss. Doch eine Gesellschaft besteht nicht aus Strukturen, Wirtschaft und Politik. Sie lebt von ihren Menschen – von jedem Einzelnen, auch von jenen, die nicht immer sichtbar sind.

Darum möchte ich heute auch an jene erinnern, die nicht hier sein können. Nicht, weil sie nicht wollen – sondern weil sie es manchmal einfach nicht schaffen.

Ich spreche nicht von den Gruppen, die sich stets als Opfer darstellen und immer das Gefühl haben, sie kämen zu kurz. Auch nicht von Solidaritätsverweigerern, die sich bewusst dem Gemeinsinn entziehen und lieber nehmen als geben. Nein – ich spreche von Menschen, die Tag für Tag ihr Bestes geben, aber im Hintergrund bleiben.

Menschen, die jemanden zu Hause pflegen. Die einsam sind. Die kämpfen – mit Krankheit, mit Sorgen, mit psychischer Belastung.

Diese Menschen gehören zu uns. Auch sie sind Schweiz.

Ein starker und zugleich schlanker Staat lebt davon, dass er Raum für Eigenverantwortung lässt, aber dort hinschaut, wo Menschen allein nicht mehr weiterkommen. Und er lebt davon, dass die Gesellschaft als Ganzes mitträgt. Dass wir solidarisch sind, nicht nur auf dem Papier, sondern im echten im täglichen Leben.

Es ist kalt in einer egozentrischen Gesellschaft. Wir brauchen keinen übersteigerten Individualismus, sondern mehr soziale Wärme. Das ist kein Widerspruch zu Freiheit – das ist ihre Voraussetzung.

Denn eine Gemeinschaft, in der alle nur für sich selbst schauen, verliert das, was uns als Schweiz ausmacht: Zusammenhalt und Menschlichkeit.

Und wenn Sie jetzt denken: «Was kann ich schon tun?» – dann geben Sie sich einen Ruck. Machen Sie den ersten Schritt. Helfen Sie jemandem im Kleinen in der Nachbarschaft. Hören Sie zu. Bringen Sie sich ein. Denn es braucht uns alle – nicht nur die Lauten, sondern auch die Leisen. Es braucht Menschen mit Lebensfreude und dem Willen, etwas zu bewegen.

Es geht nicht darum, perfekt zu sein. Es geht darum, präsent und Mensch zu sein.

Die Schweiz wird nicht von oben gemacht – sondern von uns allen getragen.

Unser Land hat die besten Voraussetzungen, um auch diese herausfordernde Zeit zu meistern.

Wir haben eine starke Wirtschaft.

Wir haben eine innovative Forschung.

Wir haben ein bewährtes Bildungssystem.

Wir haben stabile Institutionen.

Wir haben eine Bevölkerung, die mitdenkt, mitmacht, mitverantwortet.

Wenn wir diese Qualitäten gezielt stärken – mit Mut, Disziplin und Zuversicht – dann können wir auch in Zukunft ein Ort bleiben, in dem nicht nur alles funktioniert, sondern der inspiriert.

Wir müssen dabei nicht die Musterschüler sein. Aber wir müssen bereit sein. Bereit, uns zu verändern, wo es nötig ist. Bereit, das zu verteidigen, was uns wichtig ist. Bereit, auch mal durchzubeissen.

Ich bin überzeugt: Die Schweiz kann auch in einer unruhigen Welt Orientierung bieten. Mit Haltung, mit Glaubwürdigkeit – und mit einem überzeugten Miteinander. Wir sind es, die den Unterschied ausmachen.

Feiern wir an diesem 1. August deshalb nicht nur das, was war. Sondern bekennen wir uns gemeinsam zu dem, was sein soll:

Eine Schweiz, die sich bewegt.
Eine Gesellschaft, die Leistung und Zusammenhalt fördert.
Ein Staat, der Freiheit mit Verantwortung verknüpft.
Und eine Politik, die nicht nur redet – sondern anpackt und umsetzt.

Packen wir unsere Zukunft an. Nicht irgendwann. Sondern jetzt.

Ich danke Ihnen – und wünsche Ihnen einen frohen 1. August!