Damian Müller | Ständerat
Vernetzte Welt
  • 09. Mai 2019
  • 3 min Lesezeit
  • Blogbeitrag Zentralplus

Tourismuspolitik ist nicht Ausländerpolitik

„Einmal im Jahr solltest Du einen Ort besuchen, an dem Du noch nie warst.“ Diese Devise des Dalai Lama nahmen sich im letzten Jahr 1,3 Milliarden Menschen zu Herzen und verreisten. Das sind über fünfhundert Mal mehr als 1950.


Am meisten unterwegs waren Amerikaner und Deutsche, geschlagen nur noch von, und auch das ist anders als 1950, den Chinesen. Von dieser zunehmenden Reiselust profitieren natürlich zuerst die grossen und klassischen Destinationen, Frankreich etwa oder auch die USA. Aber auch die Schweiz gehört zu den Gewinnern. Nachdem der starke Franken unseren touristischen Gebieten zu schaffen gemacht hatte, geht es nun wieder aufwärts. Mit fast 40 Millionen Übernachtungen wurde im letzten Jahr ein neuer Rekord aufgestellt. Auch unsere Tourismusregion profitierte vom Aufschwung. Fast 6 Prozent betrug der Zuwachs gegenüber dem letzten Jahr, womit die Region Luzern/Vierwaldstättersee auf 3,8 Millionen Übernachtungen kommt. Das freut vor allem die Wirtschaft, das freut aber auch die Staatskasse. Insbesondere chinesische Touristen zeigen sich äusserst spendabel. Täglich geben sie rund 450 Franken aus. Dagegen sind die Deutschen mit 140 Franken fast schon bescheiden. Dabei ist vor allem eine Entwicklung bemerkenswert: Der Tourismus hat Luzern zu einer der bedeutendsten Uhrenstädte der Welt gemacht. Allein rund um den Schwanenplatz belief sich die Wertschöpfung im vergangenen Jahr auf 224 Millionen Franken. Es ist klar: Der Tourismus ist für unsere Region von eminenter volkswirtschaftlich Bedeutung. Und er ist es nicht nur für Luzern, er ist es für das ganze Land.

Alles paletti also?

Nein, das ist es nicht. Wenn sich bei den Einheimischen ein gewisses Unbehagen breit macht, besteht Handlungsbedarf. Das hat auch der Luzerner Stadtrat erkannt und beschlossen, gegen Ende Jahr einen Partizipationsprozess zu starten, in dem Interessenvertreter und die Bevölkerung in einen Dialog treten können. Nicht bis im Herbst warten will die IG Weltoffenes Luzern, die aus Vertretern der Tourismusbranche und der City-Vereinigung besteht. Stadtrat und Privatwirtschaft haben das Problem erkannt und sind daran, Lösungen zu suchen. Dass da der Tweet eines bekannten Zuger Politikers alles andere als gut ankommt, der sich darüber beklagt, dass er am Skilift anstehen musste, liegt auf der Hand. Mit Tourismusfragen macht man keine Ausländerpolitik. Man beisst schliesslich auch nicht in die Hand, die einen füttert.

Für mich ist klar: Fragen des touristischen Dichtestresses löst man nicht mit Polemik, schon gar nicht mit neuen Gesetzen. Probleme löst man im Dialog und damit, dass man respektvoll miteinander umgeht. Und da ist Luzern auf dem richtigen Weg. Gefragt sind Lösungen auf lokaler und kantonaler Ebene aber auch national und international müssen die richtigen Weichen gestellt werden, was auch mich als Luzerner Ständerat direkt betrifft.

Nun ist der sogenannte „Overtourismus“ längst nicht das einzige Problem, mit dem sich eine Touristenstadt wie Luzern auseinander zu setzen hat. Ein viel dramatischere Herausforderung kündigt sich schon seit Jahren an, wird aber gerade auch in touristischen Kreisen noch zu wenig diskutiert. Ich denke an die Folgen des Klimawandels für den Tourismus. Beispielsweise was es für unsere Region bedeutet, wenn es mit der bisherigen Schneesicherheit einmal zu Ende ist.

Natürlich findet man Alternativen zum Wintertourismus, zum Beispiel Gebirgswandern. Dabei herrscht bereits heute auf vielen Wanderwegen Dichtestress, denn Wanderer drohen zunehmend unter die Räder der Biker zu kommen. Und der Biker-Boom hat kein Ende. Doch der Platz ist nun einmal beschränkt. Auch da nützen Gesetze nicht viel, auch das braucht es Respekt der Stärkeren gegenüber den Schwächeren.

Immer mehr wird klar: Tourismus verlangt Toleranz. Und das Bewusstsein, dass es keine Tourismuspolitik gibt ohne Klimapolitik. Nicht nur bei uns in der Schweiz, sondern weltweit.

Aber ich will natürlich niemandem das Reisen vermiesen, ich halte mich ganz im Gegenteil an Wilhelm Busch’s Ratschlag: „Drum, o Mensch sei weise, pack den Koffer und verreise.“

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