Damian Müller | Ständerat
Zuversicht
  • 01. Juni 2021
  • 5 min Lesezeit
  • Reportage in der Schweizer Illustrierten

Ein echter Warmblüter

Fleissig, umgänglich, ehrgeizig: Der junge Luzerner FDP-Ständerat Damian Müller sitzt heute fest im (Polit-)Sattel. Warum er grün denkt, aber liberal handelt, wo er auftankt – und wer seine langjährige Liebe ist.

Text Michelle Schwarzenbach
Fotos Remo Nägeli

Noch vor ein paar Jahren hätte sich Damian Müller, 36, nicht im Reitstall fotografieren lassen. Er wollte vermeiden, dass andere sagen: «Wie elitär!»

Heute kümmert es ihn kaum mehr, was andere denken. Er krault die Mähne von Qualita, einer Schweizer Warmblut-Stute, sie schmiegt den Kopf an seine Schulter.

Es ist ein Frühlingsmorgen im Reitstall Neuhof in Schlierbach LU, nicht weit von Hitzkirch, wo Müller wohnt. Rundherum Felder, kreisende Störche und der Duft von frisch gewaschenem Gras. Mindestens einmal die Woche kommt Müller hierher. Wegen der Pferde, natürlich, aber auch wegen der Menschen, die im Neuhof arbeiten. «Hier kann ich abschalten.»

 

Abschalten von Sessionen und Kommissionssitzungen, von TV-Auftritten und Ortsterminen, von denen, die meinen, sie wüssten es besser, und von denen, die besser wüssten statt meinen.

2015 ist Damian Müller für den Kanton Luzern in den Ständerat gewählt worden – mit knapp 31! Heute zählt er zu den Schwergewichten seiner Partei, der FDP. Das neue CO2-Gesetz hat er massgeblich mitgeprägt. Er nimmt eine, wie er sagt, «minime» Verteuerung von Treibstoffen und eine Flugticketabgabe in Kauf. Und er unterstützt die Schaffung eines milliardenchweren Klimafonds – «er bringt der Schweiz Innovation, Arbeitsplätze und Wohlstand». Aber ein Grüner, nein, das sei er nicht. «Ich bin gegen Verbote», sagt Müller. «Aber wer sich ein verbrauchsstarkes Auto leisten will, soll etwas mehr für den Treibstoff bezahlen.»

Müller ist mit einem elektrischen Audi beim Reitstall vorgefahren. Weit bekannter jedoch ist sein Werbemobil, ein dreirädriger Piaggio-Kleintransporter, den er zusammen mit einem Freund umgebaut hat. «Solange noch Diesel aus der Tanksäule fliesst, fahre ich damit herum», sagt er.

Das Müller-Mobil erschuf der Luzerner, als er vor sechs Jahren erstmals für den Ständerat kandidierte. «Hat das nicht auch etwas Lächerliches?», fragte ihn damals eine Zeitung. Er blieb cool:

«Man sieht, wie bescheiden ich unterwegs bin, nur auf drei Rädern.» Daneben war oft zu lesen, er sei mit seiner vierjährigen Erfahrung im Kantonsrat «ein unbeschriebenes Blatt», mit ihm setze die FDP ihren Ständeratssitz aufs Spiel. «Ich musste aufpassen, nicht ständig an mir selbst zu zweifeln», sagt Damian Müller im Pausenraum des Reitstalls. Neben ihm sitzt Martina Stöckli, 37, ihr gehört der Neuhof. Sie kennt Müller seit vielen Jahren. «Der Erwartungsdruck war riesig», erinnert sie sich, «aber du hast dich nicht verunsichern lassen.» – «Weil ich Leute wie dich um mich hatte, mit denen ich reden konnte», betont er. Müller wurde gewählt. Aber bis man in ihm nicht mehr nur den Jüngling sah, brauchte es Zeit. «Geduld habe ich von den Pferden gelernt», sagt er, «man muss sie nehmen, wie sie sind.»

Damian Müller und die Pferde, das ist eine langjährige Liebe. Als Kind hatte seine drei Jahre ältere Schwester ein Pony, er begleitete sie oft in den Stall, lernte reiten, brachte es bei Springturnieren auf einen Meter zwanzig. Mit vierzehn begann er mit dem Kommentieren von Pferdeveranstaltungen, als weitaus Jüngster unter den Speakern. Dreissig Wochenenden im Jahr war er unterwegs. Dauernd stand er im Austausch mit älteren Leuten. «Diese Erfahrung half mir später im Ständerat.»

Alt BDP-Ständerat Werner Luginbühl, der mit Müller das CO2-Gesetz vorangetrieben hat, sagt über seinen ehemaligen Ratskollegen: «Von seinem Willen, seiner Lernfähigkeit, seinem Fleiss und seiner Ehrlichkeit könnte sich mancher eine Scheibe abschneiden.» Müller selbst sagt über sich:

«Ich arbeite genau, versuche, die Sache zu verstehen, und überlasse so wenig wie möglich dem Zufall.» Dazu gehört neben einer stets tadellosen Kleidung auch, dass er Politik und Privatleben konsequent trennt. Seine Familie geht ihm über alles – sie will er schützen. Bis heute lebt er mit den Eltern unter einem Dach, aber in einer eigenen Wohnung. Er ist zweifacher Onkel und Götti.

Aber es gibt noch einen anderen Grund für seine Zurückhaltung: Müller möchte nicht, dass man ihn wegen seiner Herkunft schubladisiert. Seine Eltern führten früher ein Elektrofachgeschäft in Hitzkirch LU: «Ich war automatisch der Unternehmersohn, darunter habe ich manchmal gelitten.»

Müller will an seinen Leistungen gemessen werden. Darum ist er pausenlos für die Politik unterwegs, auch am Wochenende. «Ja, mein Privatleben kommt zu kurz», sagt er und lacht in die Runde – mittlerweile haben sich zwei weitere Pferdefreunde an den Tisch gesellt. Die Stimmung ist liebevoll-frotzelig, fast familiär. Der Reiterhof sei einer der wenigen Orte, wo er nicht unter Beobachtung stehe, sagt Müller. Gehe er mit einer Frau auswärts essen, heisse es sofort: «Hat er was mit der?» – «Aber das stresst mich längst nicht mehr», sagt der Single-Ständerat.

Er sieht es als Privileg, in seinem jungen Alter Gesetze mitzugestalten – «diese Verantwortung will ich voll und ganz wahrnehmen». Die letzten fünf Jahre hat er neben der Politik in einem Teilzeitpensum für den Versicherer Swiss Life gearbeitet. Nun sucht er beruflich eine neue Herausforderung. «Es ist wichtig, ein zweites Standbein zu haben.» Am Ende seiner Politkarriere werde niemand sagen: «Müller, auf dich haben wir gewartet!»

Immer nur anpacken, umsetzen, ganz wie es sein Slogan verspricht – wann geht es bei Ihnen mal nicht um Leistung, Herr Müller? «Hier, an diesem Tisch», sagt er, «hier schnorren wir auch einfach mal blöd herum.»